“1,2,3” by Sebastian Waechter, Vienna

Crime and Punishment July 11, 2011 23:05

CRIME AND PUNISHMENT

“…1…2…3… er atmete das leise anschwellende Rauschen ein, es durchdrang seinen
Körper, seine Seele, nahm ihn auf in seinen Sog und brachte ihn sanft zu jenem Ort auf
den sein ganzes bisheriges Leben gerichtet war. Wie der letzte Zug des Bogens einer
Violine nach dem Konzert, in dem die lange unerreichbar geglaubte Musik endlich ihren
Ausdruck gefunden hat.

 

Es war perfekt, ohne Makel, ein Weg äußerster Anspannung, der nun auch die offizielle
Anerkennung fand, deren Ausdruck alleine noch zur Vollendung fehlte.
Er hatte es geschafft. Man konnte schlicht nicht mehr erreichen, als das, was er zu Stande
gebracht hatte – zumindest nicht, wenn man aus seinen Verhältnissen kam und seinen
Fokus auf dieses, das Land seiner Herkunft richtete. Natürlich hätte er auch ins Ausland
gehen, und der Meister des größten Konzerns der Welt werden können – aber das war
doch eigentlich nur ein Formunterschied. Dass ihm dies ein Leichtes gewesen wäre, wenn
er es nur gewollt hätte, war mit dem heutigen Tag zu genüge erwiesen.

 

Ein guter Teil der heimischen Unternehmen hing von seinen Entscheidungen ab, Politiker
aller Parteien vertrauten auf seine Unterstützung, um es bei der nächsten Wahl zu etwas
zu bringen, während der Wahlen an der Macht zu bleiben, und vor allem nach den Wahlen
ausgesorgt zu haben. Die Medien wussten nicht allzu viel von seiner Macht – jedoch
genug, um ihm die gebührende Sendezeit in den diversen Gesellschaftssendungen
zukommen zu lassen; und Generationen von Managementaspiranten sahen in ihm ihr
Vorbild und den Grund, ein Leben, selbstverständlich oft fruchtloser, Sklaverei auf sich zu
nehmen, um dem Traum nachhängen zu können, es vielleicht auch einmal so weit zu
bringen wie er.

Mit einem Wort: er war der Held, das Symbol des Systems. Er verkörperte die
Idealvorstellung seiner Generation: er war aus einfachen Verhältnissen zu Macht und
Reichtum gelangt, und man nahm es ihm nicht übel – Neid war unangebracht bei einem
Mann, der sein Leben lang getan hatte, was ein Mann tun muss und darf. Er hatte sich
alles selbst erarbeitet, kein Verbrechen begangen, und war nicht auf unrechtmäßigem
Weg zu seiner Stellung gekommen.

…7…8… schon wurde der anfangs sanfte Sommernachtsregen zu dem donnernden
Gewitter das allein würdig war die Schwere der Bedeutung zum Ausdruck zu bringen, die
diesem Moment innewohnte. Die anwesenden Gäste erhoben sich, durch den Glanz ihrer
Garderobe, und dem dieser zu Grunde liegenden deutlich sichtbar werdenden
gesellschaftlichen  Stellung, noch deutlicher zum Ausdruck bringend wie wichtig und
bedeutungsschwer dieser Augenblick war. Die Lichter im Saal erstrahlten noch heller. Alles
konzentrierte sich darauf ihm zu huldigen und seine unangefochtene Vormachtstellung zu
bestaetigen.

Angesichts einer derartigen Hingebung, und im Bewusstsein des Erreichten, konnte er es
sich erlauben auch das Schwierige, das ihm auf seinem Weg entgegengekommen war mit
einem milden Lächeln gütig zu betrachten. Es war nicht immer leicht gewesen. Wie könnte
es auch anders sein. Er hatte sich seinen Erfolg mühsam erarbeiten müssen. Ein Leben
von Entbehrungen war der Preis für diesen Augenblick gewesen. Aber waren es nicht
auch gerade diese Entbehrungen und Schwierigkeiten, die seinen Weg so
bewundernswert machten. Und was waren denn schon diese Mühen im Vergleich zu der
Befriedigung, die er nun erfuhr.

Die finanziellen Entbehrungen und der Schlafentzug der Anfangsjahre. Er hatte sich bis
zum Erreichen der Stellung, in der diese zum erwarteten Bild gehörten, keine Freuden,
oder was zumindest als solche bezeichnet wird geleistet. Es wäre ihm eigentlich damals
auch nie in den Sinn gekommen diese zu vermissen. Wer für ein hohes Ziel arbeitet,
verzichtet gerne auf so unsichere Ablenkungen wie Urlaub oder auch nur Freunde, die
einen nicht weiter bringen konnten.
Waren sie am Ende doch alle hier, die er auf seinem Weg begleitet hatte. Seine Frau,
seine Ex-Frau, die Kinder von beiden, und auch noch der Sohn der Frau, die seine einzige
wirkliche Liebe gewesen war. Als wirkliche Liebe bezeichnete er hier die
Gemütsanwandlung, die ihn in jungen Jahren einmal ergriffen hatte, und die ihn das erste
und letzte Mal so etwas wie Leidenschaft für einen anderen Menschen fühlen ließ.
Wahrscheinlich hatte er sie geliebt. Aufrichtig und leidenschaftlich. Aber warum musste sie
im unbedingt ein Kind anhängen!? Anfangs freute er sich ja sogar noch ein wenig an dem
Kind, aber es passte einfach noch nicht ins große Ganze, und es war am Ende doch
effizienter die Alimente zu bezahlen und die Beziehung abzubrechen, die das Erreichen
des heutigen Tages nur verhindert hätte.

Er hatte auch seine Lektion gelernt und seitdem seine Beziehungen ganz von seiner
Vernunft leiten lassen. Die beiden folgenden Frauen passten für den jeweiligen
Lebensabschnitt an seine Seite und die Kinder wurden dem jeweiligen Stand gemäß
erzogen, und die diversen Feste wie Hochzeiten, Kindergeburtstage und sonstige Anlässe
gekonnt zur Festigung und Erweiterung des persönlichen Netzwerks genutzt. Frauen und
Kinder hatten ein gutes Leben und so gewann jeder dabei. Man konnte nicht anders als
zugeben: er hatte es gut gemacht.

Immer noch schlugen die Wogen des Applauses gegen seinen Körper, wie die Wellen des
Ozeans. Nur noch 8 Sekunden und sein Glück war perfekt. 20 Sekunden – so lange
musste ein Applaus dauern, um ein Lebenswerk endgültig zu bestätigen.

13…14… Wie lange sollte diese Farce noch andauern. Es war, wie üblich, eine sehr
feierliche Zeremonie. Herr Kommerzialrat Mag. Dr. Gutenböck war nun endlich am
Höhepunkt seines langweiligen Lebens angekommen. Das große Verdienstkreuz für den
außerordentlichen Dienst am System war die Krönung eines langen, mühsamen Weges;
eines konsequenten Schaffens ohne Bedeutung und einer kleinlichen systematischen
Vermeidung sämtlichen Handelns, dass wirklich Sinn gemacht hätte.

Natürlich, er hatte kein Verbrehen begangen, zumindest keines, dass nicht jeder andere in
seiner Position auch begangen hätte. Gewisse Verbrechen gehörten ja einfach dazu. Wer
sie nicht beging, was selbst schuld, brachte es zu nichts und erntete eigentlich nur
Verachtung. Dumm war nur, wenn man irgendwem in die Quere kam, der noch größere
Verbrechen plante, aber das war in diesem Fall ja nicht mehr möglich.

Da waren einmal die Mitarbeiter, im Grunde war dies ja sein größter Erfolg und Grundlage
seiner steilen Karriere. Er hatte es geschafft das System dahingehend zu perfektionieren,
dass die Angestellten unter seiner Leitung ein Leben der größtmöglichen Sklaverei führten
und sich dabei auch noch geschätzt fühlten. Die freiwillige Sklaverei, die er erfolgreich
perfektionierte erhöhte die Gewinne und stärkte das System. Um dies zu erreichen
brauchte es keinen großen Geist, sondern nur jemanden der zur rechten Zeit am richtigen
Ort das richtige Denken vermied. Darin war der Kommerzialrat allerdings ein großer
Meister.

Die unzähligen Bürger der diversen unterentwickelten Staaten, die ein Leben in
vollständiger Armut führen mussten, damit die diversen Unternehmungen des Herrn Dr
den notwendigen Gewinn abwerfen konnten, der alleine schlussendlich sein Ansehen
rechtfertigte, verdienen ja sowieso kaum der Erwähnung. Es kann nun einmal nicht allen
gut gehen.

Schon wieder blickte er, mit dem ihm typischen leeren Blick, auf alle Versammelten. Alle
waren sie hier, all jene, bei denen es ihm gelungen war sie in das große Werk seines
Lebens einzubinden. Ihr Schicksal mit dem Seinen zu verflechten, und sie dabei entweder
in sein Unglück oder seine Bedeutungslosigkeit mit einzubeziehen.
Sogar sein ältester Sohn war gekommen. Eigentlich verwunderlich, hatte er doch bisher
die ihm gegebene Zeit verwendet genau das Gegenteil von seinem Vater zu tun. Was im
Grunde auch die einzige Verbindung zwischen den beiden war. Vielleicht war er am Ende
doch den Unannehmlichkeiten der finanziellen Benachteiligung erlegen, und erhoffte sich
von der offensichtlich zu Tage tretenden Sentimentalität des Vaters noch eine späte
Unterstützung.

Die Mutter dieses Sohnes hatte den Verehrten schon sehr früh verlassen. Man erinnert
sich noch gut, wie er den damaligen Schmerz über diese Trennung gekonnt zu heucheln
verstand, und so den Mythos eines tief erlebten Gefühlsleben begründete. Dass ein Leben
mit ihm wahrscheinlich niemandem zumutbar war, wurde dabei nicht beachtet. Die später
folgenden Frauen und Kinder fügten sich besser in sein Schema der ehelichen
Pflichtverrichtung und wohl kalkulierten Repräsentationsvorstellung.

Beide Frauen waren hier, in finanzieller Harmonie. Beide hatten ja mehr Geld als nötig um
sich die regelmäßig notwendigen Anpassungen des Körperbildes und was sonst noch an
Attributen zum Leben eines Menschen gehört, zu leisten. Von den Kindern weilten leider
ein paar zur Zeit in einer Reha-Klinik, aber das gehörte ja auch zum guten Ton und die
übrigen waren ja Gott sei Dank in einem ausgewogenen Verhältnis zu durchschnittlichen
Künstlern, Wissenschaftlern oder Bauern im Wirtschaftsspiel des Vaters geworden.
Die Perfektion mit der dieses Leben die Sinnlosigkeit des Systems darstellte verdiente
wirklich eine Auszeichnung
…16…17… Was war los, wussten sie es nicht, 3 Sekunden fehlten, wie konnten sie nur
jetzt schon nachlassen. Fassungslos starrte er in den Saal. Die Blicke aller Versammelten
wandten sich dem entstehenden Tumult auf der Rückseite des Saales zu. Nun fiel ihm
auch auf was der Grund der Unruhe war: in einer der letzten Reihen hatte sich ein Mann
durch die Menge der Applaudierenden gedrängt. Zuerst war ihm der Störfaktor seiner
Ehrung völlig unbekannt, doch bald war es, als blickte er in den Spiegel der Zeit. Der
Mann , der auf ihn zu kam, sah im zum Verwechseln ähnlich – zumindest dem ihm, das er
vor ungefähr 30 Jahren verkörpert hatte.  Nun schritt er schon langsam durch den großen
Gang in der Mitte des Saales auf ihn zu. Als er nur noch wenige Meter von ihm entfernt
stand griff er in die Tasche seines Anzugs. Panik brach im Saal aus. Diese Geste konnte ja
nur eines bedeuten. Der Applaus endete abrupt und die versammelten Gäste begannen
sich fluchtartig in Richtung des Ausgangs zu bewegen, beziehungsweise sich teilweise
auch ganz ungeniert auf den Boden zu werfen. Der Mann erhob seine Hand in der für alle
sichtbar nur eine kleine Kugel zum Vorschein kam. Die Panik legte sich wieder und alle
versuchten, während sie sich beruhigt wieder in ihre Positionen begaben, zu ergründen,
was dies zu bedeuten hatte. Die Männer des Sicherheitsdienstes fassten sich ebenfalls
langsam wieder und eilten auf den Mann zu. In den kurzen Augenblicken der ungestörten
Stille, die ihm blieben rief er dem Geehrten für alle verständlich zu: hier hast Du Dein
Lebenswerk, von aussen perfekt – von innen faul. Du hast uns dem Nichts geopfert. Er
warf ihm das Ei ins Gesicht drehte sich um und begab sich ohne Widerstand in die Hände
der plötzlich verunsicherten Sicherheitskräfte.
Drei Sekunden zu früh. Wie war es nur möglich, dass ihm sein eigener Sohn das
Lebenswerk zerstörte. Der Zwischenfall hatte natürlich weiter keine großen Auswirkungen.
Keiner von denen, die für sein Werk wichtig waren, konnte den Vorfall wirklich ernst
nehmen, da es doch bedeutet hätte, dass er sich selbst in Frage stellen müsste. Die
vorgeschriebene Anklage hatte er natürlich zurückgenommen – man konnte ja schwer den
verwirrten Sohn, um den man sich ja auch messbar wenig gekümmert hatte noch tiefer ins
Unglück stürzen.
Und doch: es war alles umsonst gewesen. Der Ausdruck der Anerkennung, für den er sein
Leben lang gearbeitet hatte, war ihm nicht vollständig gewährt worden, und dies würde
natürlich auch in Zukunft nicht mehr geschehen. Irgendetwas von dem Gestank des faulen
Eisʼ würde nun sein restliches Leben lang an ihm haften. Geld und Macht hatte er genug.
Wozu noch leben?”

 

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